Autogenes Training in der Krebstherapie
Heutige Krebstherapien beinhalten viele verschiedene Ansätze - sei das in schulmedizinischer Hinsicht, wo laufend neue Medikamente entwickelt werden und die Heilungsrate gestiegen ist oder im weiten Gebiet der Komplementärtherapien. Das Angebot beinhaltet zum Beispiel spezifische Ernährungsberatung, Sportangebote, Körper- und Klangtherapien. Hinzu kommen Entspannungstechniken, Unterstützung durch Familie und Freunde, psychoonkologische Beratungen. Weiter gibt es die Möglichkeit der anthroposophischen Krebstherapie mit Mistelpräparaten.
Was kann ein guter Therapiemix leisten?
Generell geht es darum, einerseits den Körper zu behandeln und das veränderte Gewebe abzutöten oder zu entfernen, andererseits darum, das Gesunde zu stärken und die psychischen Bewältigungsfertigkeiten der Betroffenen und bei Bedarf auch diejenigen ihrer Angehörigen zu vergrössern. Die Betroffenen tun gut daran, sich einen vielseitigen Werkzeugkasten zusammenzustellen. Er besteht aus Medikamenten, Menschen, Methoden und wohltuenden Aktivitäten - je ganzheitlicher, desto besser!
Stress und Angst: Auswirkungen der Diagnose
Eine Krebsdiagnose kann sowohl bei Betroffen wie auch bei ihren Angehörigen grosse Angst oder sogar ein Trauma hervorrufen. Das löst Stressreaktionen aus.
Stress ist eigentlich eine natürliche, sinnvolle Reaktion unseres Körpers, um angemessen mit Gefahrensituationen umgehen zu können. Er stellt dann Ressourcen im Bewegungsapparat zur Verfügung, damit wir kämpfen oder flüchten könnten - der Adrenalinspiegel steigt, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt. In Extremfällen wird der Totstellreflex ausgelöst, was sich bei einem Menschen in einer Ohnmacht oder bei länger andauerndem Stress in einer Depression äussern würde.
Dauert der Stress länger an, wird nebst Adrenalin auch das Stresshormon Cortisol ausgestossen. Das kann zuerst psychosomatischen Erkrankungen begünstigen - Magenprobleme, Verdauungsprobleme, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und später dann ernsthafte Erkrankungen wie Herzprobleme oder Krebs. Stress kann die DNA (unser Erbmaterial) schädigen, Telomere verkürzen (das heisst wir altern schneller), Apoptose (programmierte Selbstzerstörung von veränderten Zellen) verringern und die Metastasierung fördern. Hier handelt es sich um Forschungsergebnisse aus der Psychoneuroimmunologie.
Es gibt jedoch keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass lang andauernder Stress als alleiniger Auslöser einer Krebserkrankung betrachtet werden könnte. Krebs ist ein multifaktorielles Geschehen und lässt sich im Normalfall nicht auf eine einzige Ursache zurückführen.
Es ist jedoch erwiesen, dass chronischer Stress das Immunsystem schwächt. Und das ist für einen Krebspatienten oder eine Krebspatientin eine wichtige Information, denn das Immunsystem hat unter anderem die Aufgabe, veränderte Zellen zu erkennen und unschädlich zu machen.
Entspannungsmethoden können sehr individuell sein
Deshalb ist es in jedem Fall hilfreich, mit geeigneten Methoden etwas gegen den Stress zu unternehmen. Was für die einzelne Patientin hilfreich ist, hängt von Charakter, Vorlieben und körperlicher Leistungsfähigkeit ab. Das können Körpertherapien sein, eine Klangtherapie, Wickel und Massagen, das Zusammensein mit Freunden, sportliche Aktivitäten oder eine bewusst eingesetzte Entspannungstechnik wie zum Beispiel das Autogene Training.
Autogenes Training ist eine Form der Selbsthypnose, welche ein Umschalten von körperlichen, vegetativen Zuständen wie Muskelspannung, Puls, Atmung in einen Ruhezustand zur Folge hat. Es ermöglicht den Zugang zum Unterbewusstsein und die Veränderung von Glaubenssätzen. Stress kann durch Autogenes Training massiv verringert werden. Die Stresshormone können wieder abgebaut werden und das Immunsystem wird gestärkt.
Wirkungen von Autogenem Training
Schon bei der vorgelagerten Progressiven Muskelentspannung wird die Angst kleiner, denn es ist erwiesen, dass wir nicht in der Lage sind, bei entspannter Muskulatur Angst zu empfinden. Durch die im AT erreichte Entspannung verbessert sich die Durchblutung - das ist hilfreich bei Empfindungsstörungen-, der Blutsauerstoffgehalt steigt an, Schmerzen gehen zurück oder verschwinden ganz, man schläft besser.
Auf der psychischen Ebene wird man bei regelmässig ausgeführten AT gelassener. Man kann sich mit dem Prozess des Lebens aussöhnen und auch die gesamte Therapie positiver betrachten.
Dass das, was wir denken, sich direkt auf unseren Körper auswirkt, ist auch eine wichtige Information: Medikamentöse Therapien werden besser vertragen, wenn wir ihnen positiv gegenüberstehen und daran glauben, dass es das Richtige für uns ist.
Progressive Muskelentspannung und Autogenes Training können auch im Liegen durchgeführt werden und eignen sich damit auch für bereits bettlägerige Patient:innen.
Vertiefung: Arbeit mit inneren Bildern
Nachdem die Grundstufe erlernt wurde, arbeiten wir im Autogenen Training mit dem katathym-imaginativen Bilderleben. Es ist erwiesen, dass unser Gehirn nicht unterscheiden kann zwischen einer Situation, die in der äusseren Realität geschieht und einer Situation, die wir uns nur vorstellen. Das Gehirn wird immer die entsprechenden Reaktionen im Körper auslösen. Das eröffnet wertvolle Möglichkeiten, uns an einen Wohlfühlort zu begeben, Lebensfreude zu empfinden, uns einen gesunden Körper vorzustellen. Das Gehirn wird unseren Vorstellungen entsprechende Botenstoffe aussenden und damit beginnen, den Körper an den neuen, vorgestellten Zustand anzupassen. Da dies aufgrund unserer heute noch beschränkten Konzentrationsfähigkeit und Vorstellungskraft ein langsamer Prozess ist, wird es in vielen Fällen nicht ausreichen, um eine Krebserkrankung innert nützlicher Frist zu heilen. Es ist aber auf jeden Fall eine sinnvolle Unterstützung aller anderen Massnahmen.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist wichtig
Ich bin überzeugt, dass es alle Disziplinen braucht und dass es zentral ist, dass jede Patientin, jeder Patient für sich den idealen Therapiemix herausfindet und mit Überzeugung durchführt. Ich wünsche mir, dass die verschiedenen Disziplinen im Gesundheitswesen eines Tages ohne Berührungsängste, Konkurrenzdenken, Gewinnmaximierung und gegenseitige Ablehnung zusammenarbeiten - im alleinigen Interesse unserer Patient:innen und Klient:innen!
