Aus dem Tagebuch einer Katze: Das Gräslein
Findet ihr es seltsam, dass eine Katze ein Tagebuch führt? - Ihr habt ja keine Ahnung, was wir alles vollbringen, wenn ihr das Gefühl habt, dass wir gerade ruhen, entspannen, faulenzen, dösen, rumliegen, relaxen, chillen oder schlafen!
Dienstag, 23. Juli 2024
Es ist ein Tag wie jeder andere, bis ich am Nachmittag einen Kontrollrundgang im Garten mache. Nebenbei probiere ich verschiedene Gräser, die dort wachsen. Ein Gräslein bleibt in meinem Hals stecken und ich beginne zu husten und zu würgen. Mein Katzenmami findet, dass ich etwas essen soll, damit das Gras im Magen landet. Das tue ich, aber leider funktioniert es diesmal nicht und das Essen kommt auch gleich wieder raus.
Meine Menschen nennen sich Katzenmami und Katzenpapi. Das ist ziemlich lustig, wenn man weiss, dass ich die Älteste im Haushalt bin … Und ich gebe mir alle Mühe, die beiden zu anständigen Katzen zu erziehen - abgesehen davon, dass sie mein Personal sind, natürlich! Menschen sind ein bisschen ungeschickt. Und ich kann ihnen locker davonrennen, wenn ich etwas angestellt habe. Aber sie haben mich sehr gern und das ist das Wichtigste.
Mittwoch, 24. Juli 2024
In der Nacht, als es draussen schon fast wieder hell wird, huste und würge ich immer noch. Hilfe, es könnte sein, dass ich das nicht überlebe! - Meine Menschen rufen meine Tierärztin an und setzen mich in den Transportkorb. - Hilfe, es könnte sein, dass ich DAS nicht überlebe!
Da die Tierärztin auch Angst hat, dass ich es nicht überlebe, steht sie extra für mich ganz früh auf und wir treffen uns an ihrem Ort. Da gebe ich keinen Mucks mehr von mir - dort riecht es immer ein bisschen nach Angst und ich bin schon von der Autofahrt eingeschüchtert. Aber immerhin habe ich jetzt den ganzen Ort für mich allein.
Ich darf kurz durch den Raum spazieren. Wo könnte ich mich verstecken? - Hier hat es weit und breit kein gutes Versteck. Nun werde ich einfach hochgehoben, auf den Tisch gesetzt und etwas gekrault. Da begreife ich, dass ich in ernsthaften Schwierigkeiten bin …
Ich kriege Medikamente und die Welt verschwimmt vor meinen Augen.
Die Tierärztin schaut mit einem Instrument in meinen Hals. Sie sieht nichts. Die Menschen sprechen darüber, dass das Gras auch zu meiner Nase rauskommen könnte - autsch! Und dann versucht die Tierärztin es noch einmal. Sie schaut weit in meinen Rachen hinunter, würg. Diesmal kriegt sie das Grasstückchen zu fassen. Oh nein, sie hat es wieder verloren! Noch einmal - jetzt hat sie es - und sie zieht es vorsichtig hoch. Jetzt ist es endlich draussen! Ich bin gerettet! Ich bin gerettet! Ich bin gerettet! So ein Glück für die Welt!
Wieder zuhause drehe ich sofort drei Runden um die Kochinsel. Das ist ein Ritual - so nehme ich mein Zuhause wieder in Besitz. Jetzt sofort nachschauen, ob mein Trockenfutter noch da ist. Ja, alles in Ordnung. Ich vertilge eine grosse Portion davon. Da die Welt immer noch ganz schön undeutlich ist, setze ich mich hin und tue - NICHTS.
Nach ein paar Stunden bin ich langsam wieder da und kann planen, was ich heute noch anstellen möchte … schliesslich habe ich jetzt viel nachzuholen! In die Waschküche und in den Serverschrank kriechen? Eine Blumenvase umschmeissen und beobachten, wie das Wasser langsam vom Tisch tropft? Die Krallen an einem Fensterrahmen wetzen? - Miau … alles - in dieser Rrrrreihenfolge!
Donnerstag, 25. Juli 2024
Heute ist ein normaler Morgen. Ich wecke den Katzenpapi um 4:30, um 5:30 und um 6:30. Er verpasst nämlich wieder mal all die spannenden Geräusche und Gerüche, die von draussen hereinkommen. Ich möchte das so gern mit ihm teilen! Er wacht jeweils kurz auf, aber dann schläft er gleich wieder ein. Was jetzt? … Ich grapsche ihm mit meiner Pfote ins Gesicht. Ich verstehe nicht, warum er so zurückzuckt! Aber es ist lustig, und ich probiere es gleich noch einmal. Zuck! Zuck! Zuck! Hihi …
Der zuckende Papi weckt dann schliesslich das Katzenmami auf und dann bekomme ich das Frühstück ans Bett serviert. Ich habe es verdient :-) Danach gehe ich mit ihr ins Badezimmer, damit sie mir hilft, mich noch schöner zu machen. Als sie den Wäscheschrank öffnet, schlüpfe ich rasch rein und mache es mir in den Frotteetüchern gemütlich. Warum Mami sich nicht über mein gemütliches Plätzchen freut, ist mir ein Rätsel, aber wie gesagt: Im Notfall bin ich schneller …
Nach der Körperpflege gehen wir zusammen in den Garten und ich lese meine Post. Sobald ich alle Duftmarken abgeschnuppert habe, weiss ich wieder bestens Bescheid, was in meinem Revier so läuft und wer alles durch unseren Garten gestromert ist. Der Igel … fauch! Die schwarze Katze mit dem kurzen Schwanz … fauch! Der grosse, schwarz-weisse Kater … schnurrrrrrrrrrr … SCHNURRRRRRR!
Nach den vielen Gefühlen brauche ich einen kleinen Snack und danach mache ich ein Nickerchen oder zwei - ungefähr bis 17 Uhr. Jetzt erwache ich und erwarte, dass man mir mein Abendessen serviert. Heute ist der Katzenpapi allein zuhause. Er hört mich nicht, weil er in den Bildschirm auf dem Tisch starrt und sich mit anderen Menschen unterhält, die ich nur hören, aber nicht sehen kann.
Die Menschen nennen dieses seltsame Verhalten „arbeiten“. Also ich weiss nicht … Aber ich glaube, ich kümmere mich zuerst um den Autoschlüssel, der - jetzt noch - auf dem Tisch liegt.
